Kapitel 1 — Schleswig, 1966
Geboren 1966 in Schleswig, als sechstes von zehn Kindern. Eine Arbeiterfamilie. Was in unserem Haushalt gerade gebraucht wurde, war meistens schon vergeben — Kleidung, Aufmerksamkeit, Bücher. Wenn ich etwas wollte, musste ich es mir holen.
Genau das habe ich gemacht. Mit vier oder fünf — so genau weiß ich es nicht mehr — bin ich allein zur Bücherei gelaufen. Zwei, drei Kilometer durch Schleswig. Heute würde das niemand mehr ein vierjähriges Kind tun lassen. Damals war es einfach Donnerstag.
Ich erinnere mich nicht an die ersten Bücher, die ich von dort mitgenommen habe. Aber ich erinnere mich an das Gefühl: Die Bücher in der Bücherei gehörten niemandem, der sie mir verbieten konnte. Sie waren da. Ich musste nur hin. Das hat sich nie verändert. Heute heißen die Bücher Repos und Papers, und ich lese sie auf einem Bildschirm. Aber das Grundprinzip ist gleich: Wenn ich was wissen will, muss ich mir’s holen.

Einschulung in Schleswig, ca. 1972. Die Schultüte ist rot-gelb, das Polo gestreift, der Blick schon damals ein bisschen prüfend. Ich war sechs, und der Weg zur Bücherei kannte ich schon zwei Jahre länger als den Weg zur Schule.
Kapitel 2 — Bruno-Lorenzen, neunte Klasse
Vorher war Grundschule. St.-Jürgen-Grundschule, Schleswig. Ich war gut in Mathe und ein Problem im Unterricht — konzentrieren konnte ich mich nicht. Heute weiß ich, dass das ADHS war. Damals wusste das niemand. Niemand in meiner Welt. ADHS war keine Diagnose, sondern “Der Junge ist halt anstrengend.”
Auf die Mittelstufe ging ich zur Bruno-Lorenzen-Schule. Mittelmäßig. Manchmal halbe Versetzung, manchmal hochgerutscht. Ich konnte den Stoff, aber ich konnte nicht stillsitzen. Bis zur neunten oder zehnten Klasse.
Dann erzählte mir mein Mathelehrer, Herr Nielsen, von etwas, das Informatik hieß. Computer. Programme. Maschinen, die machen, was man ihnen sagt — und nur das, was man ihnen sagt.
Man muss das im Kontext sehen: Mitte der 80er, Schleswig. Ich hatte noch nie einen Computer gesehen. Ich kannte niemanden, der einen besaß. Ich wusste auch nicht, wozu Computer überhaupt gut sein sollten. Damit war ich nicht allein — kaum jemand wusste das damals.
Aber Herr Nielsen hatte gesagt: Wenn ich das wirklich machen wollte, musste ich Abitur machen und studieren.
Etwas zündete. Aus dem halben Versetzungswackler wurde der Klassenbeste. Nicht über Nacht — aber binnen weniger Monate. Ich habe nicht gelernt, weil mir das jemand befohlen hat. Ich habe gelernt, weil ich wusste, wohin ich wollte. Das war neu für mich.
Kapitel 3 — Abitur und Bundeswehr
Vom Klassenbesten der Bruno-Lorenzen-Schule auf das Technische Gymnasium Schleswig — Bewerbung lief, ich wurde angenommen, Abitur in der Tasche.

Nach dem Abi. Weißes Hemd, lange blonde Haare, ein Bier auf dem Tisch. Mitte der 80er. Die Frisur war damals zeitgemäß. Der Blick war damals schon weiter weg, als das Bild zeigt — die Bundeswehr stand vor der Tür, und ich wusste, dass es nur ein Zwischenstopp sein würde.
Dann kam die Bundeswehr. 15 Monate Wehrdienst. Aus heutiger Sicht: pure Zeitverschwendung. Im Nachhinein kann man das gut erkennen. Damals war es einfach das, was man machte.
Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe? Vielleicht ein bisschen Disziplin. Sicherlich die Erkenntnis, dass strukturierte Langeweile einen Menschen nicht klüger macht. Mehr nicht.
Kapitel 4 — Kiel und das Schwarze Brett
Universität Kiel. Diplom-Studium Informatik. Endlich.
Endlich? Naja, fast. Die Uni war zu trocken. Was an der Universität als Informatik gelehrt wurde, hatte mit dem, was ich mir vorgestellt hatte, wenig zu tun. Mathematik mit Sternchen, theoretische Konstrukte, Beweise. Wenig vom Bauen, vom Greifbaren, vom was passiert, wenn ich auf Enter drücke.
Aber ich brauchte das Geld. 450 D-Mark BAFöG. Mein Zimmer kostete 300. Bleibt nicht viel zum Leben. Also: Nebenjob.
Kellnern, wie alle anderen? Hätte nicht funktioniert. Mich interessierte nicht, was Fremde von mir wollten. Außerdem konnte ich mir keine Gesichter merken — was ich damals einfach nur seltsam fand. Heute weiß ich, dass das Prosopagnosie heißt, Gesichtsblindheit. Hab ich erst vor zehn Jahren gelernt. Bis dahin habe ich mich nur gewundert, warum mich Leute kannten, die ich nicht zuordnen konnte.
Also kein Kellnern. Ich ging ans Schwarze Brett der Uni. Da hing ein Aushang: North Data. Eine kleine Software-Firma in Kiel. Suchten studentische Mitarbeiter.
Ich bewarb mich. Ich war der einzige Bewerber. Der Aushang hing — wie ich später erfuhr — bereits seit drei Monaten. Drei Monate ohne Konkurrenz. Der Mann, der mich einstellte, sagte mir das offen: “Sie sind der beste Bewerber.” Was nicht schwer war.
Damit fing alles an. North Data programmierte zunächst für Großrechner, später stellten wir auf Unix um. Ich bekam Aufgaben, ich löste sie, ich bekam mehr Geld. Fast jeden Monat wurde mein Stundensatz erhöht. Irgendwann verdiente ich nebenher zwischen 10.000 und 20.000 D-Mark im Monat. Anfang der 90er Jahre. Als Student.
Das klingt heute absurd. Damals war es einfach das Ergebnis von einem, der die Aufgaben schneller löste als die, die ihn bezahlten.
Später wechselte ich zu Management Systems in Münster. Da arbeitete ich teilweise 300 Stunden im Monat. Ohne KI, ohne Auto-Vervollständigung jenseits von einem rudimentären Texteditor. Drei Jahre lang fast Vollzeit. Mein Studium litt darunter — ich brauchte länger als geplant. Aber 1996 hatte ich mein Diplom.

Party zu Hause, nach dem Vordiplom — 19. August 1995. Das weiße T-Shirt ist Hugo Boss. Auf dem Tisch das Bier, hinter mir das Büro-Schild. Was man auf dem Bild nicht sieht: am Handgelenk eine Maurice Lacroix für damals 700 Mark. Mein erster richtig teurer Kauf. Sie wurde mir später gestohlen. Aber dieser Moment, in diesem T-Shirt, mit dieser Uhr — das war der Augenblick, an dem mir klar wurde, dass das Geld auch ein Werkzeug sein kann, nicht nur eine Folge.
Kapitel 5 — Düsseldorf, der schnelle Misserfolg
1996, frisch diplomiert. Mit meiner damaligen Freundin zog ich nach Düsseldorf. WestLB, Systementwickler. Ein Bank-Konzern, eine sichere Position, ein vernünftiges Gehalt.
Drei Jahre habe ich es ausgehalten. Langweilig, perspektivlos, mit Tendenz zum Wegschlafen am Schreibtisch. Banken-IT damals war nicht das, was ich machen wollte. Eigentlich war ich nicht zum Drei-Jahre-Aushalten geboren.
Düsseldorf war nicht meine Stadt. Düsseldorf ist süddeutsch, vom Mindset her — egal, was Düsseldorfer dazu sagen würden. Ich brauchte den Norden zurück.
Dann der Anruf: PricewaterhouseCoopers, Hamburg. Sie hatten mich auf dem Schirm. Sie boten mehr. Sie boten anderes. Sie boten Hamburg.
Ich sagte zu. Innerhalb von Wochen war ich weg.
Kapitel 6 — Hamburg und die Senator-Karte
PwC Hamburg. Drei Jahre, von 1999 bis 2002. Internationale Projekte. Mit 27 hatte ich die Lufthansa-Senator-Karte. Business Class, Taxi am Flughafen, fünf Sterne, fünf Kontinente.
Es war geil. Im wörtlichen Sinne. Ich war jung, ich war gut, ich wurde gut bezahlt, und ich sah die Welt von der Seite, von der man sie sehen will. Ich war kein Tourist. Ich war Berater. Das ist ein Unterschied.
2002 kaufte IBM PwC’s Consulting-Sparte. Aus PwC wurde IBM Business Consulting Services — und für uns Kulturschock. PwC war Beratung mit Anzug-und-Krawatten-Pedanterie, IBM war Konzern mit Slide-Decks. Andere Sprache, andere Politik, andere Befehlsketten.
Aber: Die Projekte blieben. Und ich entwickelte mich weiter — vom Consultant zum System-Software-Architekten. Zwischen 2002 und 2009 war ich überall. England, Südafrika, Japan (einschließlich kurzer Einsätze in Tokio), Houston in Texas, Sankt Petersburg, Frankfurt. Es gab Wochen, in denen ich zwischen drei Städten auf zwei Kontinenten pendelte.
Ich liebte die Arbeit. Ich liebte die Tiefe. Ich hasste den Koffer.
Kapitel 7 — Zürich, fünf Jahre Vista
2009 fing ein Projekt an, das mich aus dem Wochenend-Modus rausholen würde: Vista. Großbank in Zürich, fünfjähriger Auftrag. Ich zog quasi nach Zürich. Eigentlich ein No-Go für einen Norddeutschen — aber Zürich hat Wasser, und das hilft.
Fünf Jahre Vista, fünf Jahre Schweiz. Strukturierte Tage, festes Büro, planbare Reisen.
In dieser Zeit fand ich Zeit für eine Nebenleidenschaft, die mein Leben verändern sollte: die Börse. Ab 2008 fing ich an, mich ernsthaft mit Aktien zu beschäftigen. In der Schweiz, mit Vista im Rücken und Abendzeit auf der Hand, las ich, las ich, las ich. Und ich handelte.
Aus 2.000 € wurden in vier Jahren knapp 200.000 €. Das klingt unrealistisch. Es war so. Es war nicht einmaliges Glück — es war Disziplin, Geduld, und ein Markt, der in den richtigen Momenten in die richtige Richtung kippte.
Aktien sind seitdem mein zweites Standbein. Heute habe ich daraus mein eigenes KI-System gemacht — AI Trader. Stündlich News lesen, mit Claude interpretieren, probabilistische Krypto-Positionen ableiten. Davon erzähle ich später.
Irgendwann, im Lauf der fünf Jahre, wurde mir Zürich enger. Ich brauchte den Norden. Ich brauchte den eigenen Tisch, an dem entschieden wird, wohin gefahren wird. Ich brauchte das Aufhören mit dem Koffer.
Kapitel 8 — Der Sprung, 2015
Ich kündigte. Nach mehr als einem Jahrzehnt PwC/IBM, mit über 40, machte ich mich selbstständig als Freelancer für Softwareentwicklung. Hamburg wieder als Heimatbasis.
Dass es funktionierte, lag an einer einzigen Person. Mein Ex-Chef aus IBM-Zeiten war zu Fielmann gewechselt. Er rief an: “Ich habe was für dich.” Ein Jahr Vollzeit-Auftrag bei Fielmann. Mein erster Auftrag als Freelancer.
Es lief gut. Es lief sehr gut. Die Jahre nach Fielmann brachten mehr Aufträge, mehr Tagessätze, mehr Sicherheit. Ich hatte den Sprung geschafft, und der Markt fragte mehr nach mir als ich nach ihm. Eine angenehme Position.
Dann kam Corona.
Kapitel 9 — Corona, Reichtum und Sättigung
2020 bis 2022. Während der Pandemie wurde meine Auftragslage absurd. Während andere Freelancer kämpften, hatte ich mehr Anfragen, als ich annehmen konnte. Bis zu 50.000 € im Monat. Mehrere Monate hintereinander.
Das ist Geld, das das Leben verändert — wenn man es lässt. Ich war einigermaßen frugal, hatte keine Familie zu ernähren, kaufte nicht plötzlich Schlösser. Aber irgendwann fiel mir auf: Ich verdiene mehr, als ich brauche. Und ich tausche dafür Stunden, die ich nicht zurückbekomme.
2023, irgendwann mitten im Jahr, klickte etwas ein. Ich hatte keinen Bock mehr. Nicht auf das Geld. Auf das Tauschen.
Ich wollte bauen. Eigene Produkte. Etwas, das mir gehört, das auch dann existiert, wenn ich morgens nicht am Schreibtisch sitze. Etwas, das bedeutet etwas.
Das war die wichtigste Entscheidung der letzten zehn Jahre.
Kapitel 10 — Moinsen entsteht
Zwischendurch, schon 2021, hatte ich eine GbR mit einem Mann namens Kenneth gehabt. Das funktionierte überhaupt nicht. Kenneth wollte Zeit verkaufen, ich wollte Produkte bauen. Wir lösten die GbR auf — kein Drama, aber auch keine Liebe.
Im selben Jahr fand ich Malte. Wir wollten gemeinsam etwas Eigenes auf die Beine stellen, suchten einen Namen, und ich schlug vor: moinsen.dev.
Moin sagt man in Norddeutschland zu jeder Tages- und Nachtzeit. Moinsen ist die ironisch verlängerte Form. Ich begrüße Menschen seit jeher mit Moin — egal ob in Schleswig, in Houston oder in Tokio. Es ist nicht nur ein Gruß. Es ist eine Haltung. Ein-Wort-Klarheit. Hallo, ich bin hier, los geht’s.
Moinsen wurde 2021 gegründet. Malte ist mittlerweile nach Neuseeland ausgewandert. Moinsen läuft heute solo unter mir — als Einzelunternehmen, mit Plänen für eine GmbH, sobald die Skalierung das hergibt.
Was Moinsen heute macht:
Über kmu.moinsen.dev biete ich kostenlose KI- und Digitalisierungswerkzeuge für kleine und mittlere Unternehmen an. Website-Check, Stundensatz-Rechner, KI-Reifegrad-Check, KI-Potenzialanalyse, Engpass-Check. Niedrigschwellig. Ohne Abo. DSGVO-orientiert. Wer eine vertiefende Begleitung will, kann ab 800 € Retainer pro Monat einsteigen.
Über moinsen.dev baue ich eigene Produkte und MVPs — schneller als jeder klassische Dienstleister, weil ich mit meinem eigenen Agentic-Coding-Stack arbeite (Conductor, davon gleich).
Und dann gibt es noch “KI hilft Helfern”. Ein Programm, in dem gemeinnützige Organisationen kostenlos digitale Unterstützung bekommen. Hilfe für die, die anderen helfen. Wenn ich mit dem Bauen Geld verdiene, kann ich einen Teil davon zurückgeben — nicht über Spenden, sondern über das, was ich am besten kann.
Kapitel 11 — Der Indie Builder, ab 2024
Heute ist Mai 2026. Ich bin 59. Und ich arbeite, als wäre ich 25.
Acht parallele Projekte. Sieben Tage die Woche. Über 400 GitHub-Repositories. Jedes davon eine Idee, ein Experiment, ein Versuch.
Mein Tag startet mit Claude Code, daneben Codex, dazu Kimi für bestimmte Aufgaben, OpenCode für andere, GPT-5 wo es passt. Orchestriert über mein eigenes Plugin-Ökosystem: Conductor v8.1.0 mit 13 Plugins — von PRD-Entwicklung über automatisiertes Testing bis hin zu Release-Marketing. Acht Major-Versionen in zwei Jahren. Ich nutze es jeden Tag. Es ist mein Backbone.
Die Hero-Projekte, die aus dem Strudel auftauchen:
- Adventurist — ein KI-gestützter Motorrad-Reisebegleiter. Software-Übersetzung meines Hobbies.
- Food Designer — Rezepte verwalten wie Code. Git-Branches und Pull Requests für Kochrezepte. Persönlicher Anker: meine eigene Low-Carb-Umstellung.
- Bonblick — Receipt Intelligence, local-first. Was du in Bonblick erzählst, bleibt in deinem Leben.
- Conductor — der Werkzeugkasten, der das alles möglich macht.
- AI Trader — die Krönung der Aktien-Reise. Stündliche LLM-Entscheidungen über BTC und ETH. Läuft seit März 2026 in Validierung.
Vibe Coding ist meine neue Droge. Ehrlich gesagt: Es hat Suchtcharakter. Manchmal merke ich, dass ich seit zehn Stunden am Schreibtisch sitze und nichts gegessen habe. Das ist nicht gesund, das weiß ich. Aber es macht etwas mit mir, was nichts anderes je gemacht hat: Ich kann eine Idee am Vormittag haben und am Nachmittag auf einer Live-Domain testen. Das ist ein neuer Aggregatzustand des Bauens.
Kapitel 12 — Mit 59 die Diagnose
Ein Detail noch zu diesem Kapitel — eines, das viel rückblickend erklärt.
Vor wenigen Monaten habe ich erfahren, dass ich ADHS habe. Mit 59. Späte Diagnose, in einer Lebensphase, in der man eigentlich denkt, sich schon ganz gut zu kennen.
Plötzlich ergaben Dinge Sinn. Die Konzentrationsprobleme in der Schule. Das Schalten zwischen acht Projekten. Die Müdigkeit, die andere haben und ich nicht. Die Geschwindigkeit, mit der ich Themen wechsle. Die Offenheit, die anderen manchmal zu viel ist.
Interessant ist: Seit Mitte 50 spüre ich einen Produktivitätsschub, den ich vorher nicht kannte. Ich kenne keine Müdigkeit. Erschöpfung gibt es bei mir nicht. Geht nicht, gibt es nicht. Ich weiß nicht, ob das mit der späteren Selbst-Erkenntnis zusammenhängt oder einfach mit der Tatsache, dass ich heute mache, was ich machen will — und nicht mehr, was andere wollen.
Was bleibt: Ich bin Workaholic. Ich akzeptiere das. Ich nutze es. Ich versuche nicht, ein anderer zu werden — ich versuche, der zu sein, der ich offensichtlich bin, nur mit etwas mehr Bewusstsein dafür.
Zwischenspiel I — Motorrad. Eine Liebesgeschichte.
Eine eigene Erzählung. Beginnt 1996.
Auto-Führerschein habe ich erst mit 30 gemacht — ich sah keinen Sinn im Autofahren. Bin ich heute noch nicht überzeugt von. Aber 1996 zog ich nach Düsseldorf, wo das Leben ohne Auto schwer ging, also: Schein.
Fahrlehrer sagte mir gleich beim ersten Mal: “Sie sind eigentlich Motorradfahrer, kein Autofahrer. Sie sind dafür geboren.” Also gleich Motorradschein dazu.
Die praktische Prüfung machte ich an einem Wintermorgen. Eisglatte Straßen. Der Fahrlehrer wollte sie absagen. Ich sagte: “Machen wir.” Der Prüfer kam, schaute mich an, schaute die Straße an, schaute mich wieder an, und sagte: “Schau mal, wie du dir das zutraust. Dann lass ich dich bestehen.”
So habe ich meinen Motorradführerschein bekommen — ohne in der Prüfung ein einziges Mal gefahren zu sein. Das ist eine wahre Geschichte, und ich verbürge mich nicht dafür, dass es heute noch so laufen würde.
Dann passierte fünf Jahre nichts. Düsseldorf, Job, Umzug nach Hamburg. Kein Motorrad.
2001, in Hamburg, ging ich an einem Samstag spazieren. An einem Suzuki-Händler vorbei. Schaute mir die Maschinen an. Ging rein. Kam mit einer Suzuki SV650 wieder raus. Spontankauf.
Die ersten Fahrten waren grauenvoll. Fünf Jahre nicht gefahren, plötzlich auf einer 650er auf der Stadtautobahn. Aber ich verliebte mich wieder. Ein paar Monate später machten ein paar Freunde und ich eine Tour durch Norwegen. Lange Tage, raue Straßen, Mitternachtssonne. Ich war angekommen.
2003 brachte ich die SV650 zur Inspektion. Im Showroom stand eine Suzuki GSX-R 1000 RR. Schockverliebt. Ich kaufte sie noch am gleichen Tag. Ich ließ trotzdem die Inspektion machen — beide Maschinen verließen das Geschäft mit mir.
Von 2003 bis 2009 kaufte ich alle zwei Jahre eine neue Suzuki. K3, K5, K7, K9. Vier neue Maschinen in sechs Jahren. Zwei davon wurden mir geklaut. Nach dem zweiten Diebstahl hatte ich keinen Bock mehr auf teure Suzukis.
Wechsel zu Honda. Erst eine gebrauchte CBR 1000 — hässlich, langsam, kein Spaß. Dann eine gebrauchte CBR 1000 RR. Die richtige Maschine.
2013 fuhr ich mit ihr drei Monate durch Europa. 17.000 Kilometer. Allein und zwischendurch mit Freunden. Über die Alpen, durch Spanien, durch Frankreich, nach Italien. Was man so macht, wenn man drei Monate Zeit hat und eine vollgetankte Honda.
Heute habe ich einen Traum: Mit dem Motorrad nach Japan. Über Russland und China oder hinten über Korea — wie auch immer es geht. Ich war 2007 ein paar Wochen in Tokio für ein IBM-Projekt. Seitdem zieht es mich. Vielleicht nicht dieses Jahr. Aber irgendwann.
Zwischenspiel II — Heimat, Lesen, Werte
Norddeutschland
Norddeutschland ist mein Ein und Alles. Ich liebe den Wind. Die Kälte. Den Regen. Schönwetter-Norddeutsche gibt es nicht — das war schon immer mein Spruch.
Ich wohne heute in Hamburg, in einer alten Villa-Wohnung. Klasse Schnitt, hohe Decken, ehrliche Holzböden. Hamburg ist die Stadt, in der ich mir gewünscht habe zu leben, lange bevor ich es konnte.
Familie
Keine Kinder. Kein Hund. Keine Katze. Bewusst.
Ich liebe Hunde und Katzen. Wenn ich eines hätte, würde ich nichts anderes mehr tun, als mit dem Tier zu spielen. Das ist keine Übertreibung. Ich kenne mich. Ich gehe All-In oder gar nicht.
Lesen
Als Kind die Bücherei. Heute fast nur noch Sachbücher und Self-Help.
Hitchhiker’s Guide to the Galaxy ist das Buch, das mich am meisten geprägt hat. Douglas Adams hat einen Humor, der mich nicht loslässt — und eine grundsätzliche Position zum Universum, die ich teile: Don’t panic.
Aktuelle Bibel-Bücher: Atomic Habits (James Clear) für das Wie. Think and Grow Rich — Asia für das Was. Und natürlich Ikigai, die japanische Lebensphilosophie vom Schnittpunkt zwischen Leidenschaft, Mission, Beruf und Berufung. Ikigai ist nicht Inspiration. Es ist mein Lebensentwurf.
Was ich vermisse: Fiction. Romane. Geschichten, die nicht versuchen, mir was beizubringen. Ich werde wieder anfangen. Das wäre mein Vorsatz für 2027, wenn ich Vorsätze hätte.
Werte
Drei Sätze, mit denen ich lebe:
Ein Mann, ein Wort. Ich lüge nicht — zu kompliziert. Software wird von Menschen benutzt, nicht von Modellen.
Plus die zwei, die mich antreiben:
Geht nicht, gibt es nicht. Ich kann das. Ich will das. Coding ist mein Sport.
Das ist nicht Brand-Sprech. Das ist die kürzeste Form von dem, was ich bin.
Was treibt mich an — vier Kräfte
Wenn ich mich morgens hinsetze (oft ohne richtigen Anfangspunkt, denn der Abend zuvor ist meistens der wahre Anfangspunkt), dann sind es vier Kräfte, die im Hintergrund laufen:
- Neugier & Lernen. Die Bücherei mit vier. Hat sich nie verändert.
- Bauen & Schaffen. Wenn ich ein Problem sehe, muss ich es lösen. Kompulsiv-konstruktiv. Die 400+ Repos sind kein Hobby, sie sind die Konsequenz.
- Unabhängigkeit + Bedeutung. Niemand sagt mir, was ich zu tun habe. Aber das, was ich tue, soll etwas bedeuten. Helfen. Wirkung. KI hilft Helfern.
- Coding als Sport, Ikigai als Leben. Coding ist nicht meine Arbeit. Es ist mein Sport. Ikigai ist nicht meine Inspiration. Es ist mein Lebensentwurf.
Epilog — Eine neue Idee mitten im Aufschreiben
Diese Memoiren sind im Mai 2026 entstanden — beim Versuch, eine persönliche Website aufzusetzen.
Mitten in diesem Prozess, beim Aufschreiben von all dem, was hier steht, kam mir eine Idee. So geht das bei mir. Eine Idee, ein Repo. Reality-Check schlägt Diskussion.
Was wäre, wenn andere Menschen dieselbe Erfahrung machen könnten, die ich gerade gemacht habe — eine KI, die durch geschickte Fragen die Memoiren eines Menschen aus dem Kopf holt? Ergänzt durch Foto-Bibliotheken aus Google Fotos oder Apple Fotos. Iterativ. Wie ein Software-Repo: Versionen, Branches, Pull Requests an die eigene Lebenserzählung. Bis sie sich richtig anfühlt.
Logbuch & Lotse. Das Logbuch ist der Ort, an dem dein Leben festgehalten wird. Der Lotse ist die KI: jemand mit Kompetenz und Geduld, der dich durch unbekannte Hafen-Gewässer navigiert — der die Untiefen kennt und weiß, welche Frage du als nächstes brauchst.
Das wird mein nächstes Projekt. Oder mein nächstes nach den acht. Oder eines der nächsten. Ich weiß es nicht. Aber die Idee ist jetzt da, und ich kenne mich: Solche Ideen verschwinden bei mir nicht. Sie warten.
Wer ich in zwanzig Jahren bin, wenn ich diese Memoiren wieder lese — keine Ahnung. Aber es wird wahrscheinlich einer sein, der weiterhin Sachen baut. Der weiterhin Moin sagt. Der vielleicht endlich mit dem Motorrad in Japan war.
Und einer, der weiterhin keinen Hund hat. Aus den richtigen Gründen.
Ende der ersten Version. Diese Memoiren sind ein Repo — sie werden iteriert.
Hamburg, Mai 2026 · Ulrich Diedrichsen